2010-04-25

2009-09-06, vegane Kampfrhetorik

167 deutschsprachige Artikel gibt es momentan auf antivegan.at, ein knappes Drittel davon ist noch zu überarbeiten.1 Und bei dieser Überarbeitung, genauer gesagt bei der Überarbeitung der veganen Phantasiegebilde, da suche ich im Internetz nach Material zum bekannten erfundenen Adorno-Zitat,2 und über was stolpere ich: den guten alten Achim Stößer bzw. über einen Thread auf einer Website von ihm, Link:veganismus.ch. Bezüglich des besagten Zitats wird er nämlich offenbar per Mail gefragt:

Woher stammt das Adorno zugeschrieben Zitat über Auschwitz, es ist auffällig, daß nie eine genaue Quelle angegeben wird?

Und es antwortet der Meister. Zunächst weist er darauf hin, dass es durchaus üblich ist, ein Zitat nur dem Namen des Urhebers zu zitieren, und nicht etwa mit genauer Literaturangabe – was ja richtig ist – und schreibt:

Von solchen Fällen abgesehen, wird der Name ausschließlich genannt, um dem Urheber den nötigen Resepekt für die "geistige Schöpfung" zu zollen. Alles andere wäre reichlich dumme Autoritätshörigkeit.

Es ist bislang offenbar unklar, woher das monierte Zitat exakt stammt, aber in diesem Zusammenhang auch belanglos, denn Tatsachen sind Tatsachen, gleich, wer sie sagt. "2+2=4" (Adam Riese), "7*8=56" (Adolf Hitler) – und nun?

„Tatsachen sind Tatsachen“, und daher ist es belanglos, wer sie sagt … oder vielleicht doch nicht? Vielleicht ist das schlichte Erfinden von Zitaten ganz einfach von derselben moralischen Dimension wie Lüge und Betrug und ganz einfach unzulässig? Dementsprechend wird ihm auch entgegengehalten:

Tatsächlich findet sich der Satz nicht in seinem Werk. In der Minima Moralia, der Dialektik der Aufklärung und in der Negativen Dialektik findet sich halbwegs verwandtes Denken. Angeblich hätte Adorno den Satz mal im Kreise seiner Schüler geäußert. Da dies scheinbar nirgendwo veröffentlicht – also öffentlich bezeugt – wurde, ist es so, als hätte Adorno den Satz so nie gesagt

Doch wer geglaubt hätte, dass Stößer hier so einfach vor simpler Logik kapituliert, hat sich geirrt, er findet es „schön, dass jemand so viel Muße hat, sein Gesamtwerk ,einschließlich Briefe etc.′ zu durchsuchen“, und kontert (Hervorhebungen wie im Original):

Und das ist inwiefern relevant? Daß und warum es eben nicht relevant ist, wurde ja oben ausgeführt. Denn daß ihn jemand (zuerst) gesagt [oder sonstwie geäußert] hat, steht wohl außer Frage, ob nun Adorno oder Hans-Jürgen Krahl oder Delfried Kaufmann oder Erika Mustermann spielt keine Rolle. Hitler wird es wohl kaum gewesen sein.

Ganz einfach: Wenn ein ausgewachsener Philosoph das sagt, wird er vielleicht einen klugen Grund dafür haben, „Erika Mustermann“ nicht unbedingt. Es mag schon sein, dass 2+2=4 ist, egal, ob es jetzt ein Vierjähriger sagt oder ein Mathematikprofessor, den die Richtigkeit dieser Aussage steht außer Zweifel, bei Vergleichen von Verbrechen mit Nahrungsmittelproduktion sieht die Sache aber gewaltig anders aus – sollte Stößer das etwa nicht verstehen?

Mir ist unklar, weshalb dieses Zitat für viele eine so große Rolle spielt.

… Ich habe Stößer hier auf antivegan.at als Kampfrhetoriker charakterisiert. Um eine solche Rhetorik verwenden zu können, braucht man ein gewisses Maß an Intelligenz, um sie andauernd verwenden zu müssen, darf man dieses Maß aber nicht überschreiten – und Stößer tut das auch nicht. Es geht ihm nicht darum, die Wahrheit zu finden, sondern darum, Recht zu behalten, ganz egal, wie absurd sein Standpunkt auch immer sein mag. Er mag als trauriges Musterbeispiel für vegane Borniertheit dastehen, der außer dem Bedürfnis, besser zu sein als andere, nichts mehr geblieben ist.


Nächstes: 2009-09-04, leider: kein Geld von der Fleischindustrie
Vorheriges: 2009-09-26, fliegende Ökos


Fußnoten:
1: siehe dazu auch: 2009-07-01, „Seite in Arbeit“
2: siehe dazu auch: Adorno über Auschwitz und Schlachthäuser

Kommentare anzeigen • diesen Artikel kommentieren